Bericht von Laura
Am Samstag, 10. September 2022 war es soweit. Ein Lauftraum ging in Erfüllung, mein Start beim Jungfrau-Marathon in der Schweiz.
Beim Jungfrau-Marathon handelt es sich jedoch nicht um irgendeinen Marathon, laut Aussage des Veranstalters handelt es sich um den schönsten Marathon der Welt. Ich würde sagen, es handelt sich um einen der härtesten Marathons der Welt, aber sicherlich auch einen sehr schönen.
Die Läufer müssen auf ihrer Strecke vom Start in Interlaken zum Ziel am Eigergletscher nicht nur eine Distanz von 42,195 km, sondern auch fast 2000 Höhenmeter Aufstieg bewältigen.
Dabei sind die erste 26 km quasi flach (ca. 300 Höhenmeter), der Anstieg ist fast komplett im letzten Drittel zu bewältigen. Dafür wird man jedoch mit einem unglaublich tollen Bergpanorama belohnt (sofern das Wetter denn mitspielt).


So kam es, dass mich meine Trainingsläufe, zum Teil bei über 30 Grad, nun regelmäßig auf den Weißen Stein, den Königsstuhl, und sogar für ein Mini-Trainingslager in die bayrischen Alpen führten. Voll motiviert fuhr ich also am Freitagnachmittag in die Schweiz. Der Wetterbericht für den nächsten Tag sieht bei der Startnummer-Ausgabe leider gar nicht gut aus. Kalt und nass, eventuell sogar Schnee. Besonders blöd an der ganzen Sache, ich bin ganz alleine hier. Man kann zwar einen Beutel mit Wechselkleidung abgeben, der wird allerdings nicht in den Zielbereich transportiert, sondern an die Talstation der Eigerbahn (nach dem Zieleinlauf am Gletscher muss man, Wartezeit nicht mit eingerechnet, erstmal noch 20 min mit der Gondelbahn zurück ins Tal fahren, bevor man seine Sachen bekommt).

Als es am nächsten Morgen Zeit zum Aufstehen ist (geschlafen habe ich in der Nacht vor Aufregung so gut wie gar nicht), hört man draußen den Regen an das Fenster schlagen und der Wind heult um das Gebäude. Doch kurz bevor es Zeit ist zum Start aufzubrechen, hört es auf. Vielleicht haben wir ja Glück.
Von meinem Hotel sind es nur ein paar Minuten zu Fuß zum Start.
Auch die Atmosphäre beim Start ist irgendwie besonders, anders als bei einem „normalen“ Stadtmarathon.

Blick ins Lauterbrunnental Richtung Jungfrau
Um 8:30 Uhr fällt der Startschuss, aktuell sind es ca. 11 Grad und es ist nur leicht bewölkt. Hoffen wir mal, dass die Bedingungen so gut bleiben. Die ersten 4 Kilometer führen ziemlich flach durch das Zentrum von Interlaken. Hier stehen selbst um die frühe Uhrzeit schon viele Zuschauer. Bis kurz vor Kilometer 10 ist die Strecke komplett flach und verläuft vor allem auf Asphalt durch Ortschaften. Dann geht es bei Wilderswil rein in das Lauterbrunnen-Tal und in den ersten kleinen Anstieg – ein Vorgeschmack auf das, was mir heute noch bevorsteht. An dieser Stelle verlassen wir zunächst die asphaltierten Straßen und bewegen uns fortan vor allem auf Waldwegen und schmalen Trails, immer entlang eines kleinen Bachs, dafür mit traumhaftem Blick auf das Jungfrau-Massiv (bloß nicht daran denken, dass ich da heute noch ganzes Stück hoch muss…).

Nach etwa 20 Kilometern und 300 Höhenmetern erreicht man Lauterbrunnen, eines meiner Highlights entlang der Strecke. Hier stehen viele Zuschauer am Rand, die lautstark anfeuern, und diese Mischung aus für die Schweiz so typischen Holzhäusern, steilen Felswänden und den schneebedeckten Gipfeln im Hintergrund wirkt wie aus einem Film. Nach dem überqueren der Halbmarathonmarke geht es für ein paar Kilometer sogar leicht bergab.
Die Beine fühlen sich noch gut an, allerdings tun mir meine Zehen weh, das wird wohl ein paar blaue Nägel geben.
Kurz hinter Kilometer 26 kommt dann der erste Brocken des Tages. Auf etwas mehr als 3 Kilometern geht es fast 600 Höhenmeter hoch nach Wengen. Gedanklich hatte ich mir die Strecke in 2 Teile unterteilt – 26 km laufen, und dann 14 km wandern – und 14 km wandern ist doch ein Kinderspiel. Während ich mich die unzähligen Serpentinen hochquäle, frage ich mich zum ersten Mal heute, zweifele ich zum ersten Mal daran, dass ich es bis ins Ziel schaffe. Dank meines empfindlichen Magens habe ich bisher gerade mal ein einziges Gel herunterbekommen.

kurz vor Wengen
Nach diesem steilen Anstieg wird es rund um Wengen nochmal flacher. Nachdem ich noch ein kurzes, flaches Stück gegangen bin, bekomme ich die zweite Luft und kann bis ca. km 33 nochmal laufen und viele Läufer überholen. Hier in Wengen ist auch gut Stimmung, in mehreren Reihen stehen die Zuschauer am Straßenrand und feuern an.

Vorbei am Zielbereich des Lauberhorn-Skirennens geht es auf einem breiten Schotterweg durch den Wald stetig bergauf. Zwar gibt es auch einige, flachere Passagen, die man durchaus laufen könnte, das lassen meine Kraft und leider auch das einsetzende Seitenstechen nicht zu.
Bei Kilometer 38 erreicht man die Baumgrenze und kurze Zeit später die Abzweigung Wixi – einen Verpflegungspunkt mit Kontrollschlusszeit. Ich bin über eine Stunde vor dem Zeitlimit zu diesem Punkt, da brauche ich mir also keine Sorgen machen. Da mein Seitenstechen immer schlimmer wird, mache ich einen kurzen Stopp bei den Sanitätern. Diese versuchen es zwar mit ein paar Atem- und Dehnübungen, so wirklich besser wird es aber leider nicht.

Ca. km 37

Noch ca. 3,5 km bis zum Ziel
Hinter dem Verpflegungspunkt verlassen wir den Schotterweg. Jetzt geht es auf einem steilen Trail wieder deutlich steiler hoch. Der Weg ist so schmal, das man kaum überholen kann. Immer wieder steht man kurz, weil es sich an besonders engen oder steilen Passagen staut. Das Wetter ist mittlerweile ziemlich bescheiden, aber zum Glück schneit oder regnet es (noch) nicht. Bei km 41 geht es dann sogar nochmal ein kurzes Stück bergab. Für ein paar Meter kann man sogar nochmal laufen. Jetzt ist es wirklich nicht mehr weit bis zum Ziel. Hier oben stehen auch wieder echt viele Zuschauer, die einen in den unterschiedlichsten Sprachen anfeuern. Ich biege um die letzte Kurve und sehe das Ziel vor mir, allerdings gefühlt noch 100 Höhenmeter über mir. Obwohl es nur noch 200m sind, habe ich keine Ahnung, wie ich da noch hoch kommen soll, bin echt am Ende meiner Kräfte. Aber 200m vor dem Ziel ist aufgeben auch keine Option. Und dann ist es endlich da, das Ziel. Für einen Zieleinlauf reicht es nicht mehr, gehen muss auch reichen. Aber das Gefühl, es geschafft zu haben, ist überwältigend. 5 Stunden, 47 Minuten und 58 Sekunden, 42,195 Kilometer, und knapp 2000 Höhenmeter liegen hinter mir.

der Gesichtsausdruck bei km 41 täuscht…

so hätte es hier also bei gutem Wetter ausgesehen
Leider wartet hier oben im Zielbereich niemand auf mich. Und sobald ich stehe, merke ich auch, wie kalt es eigentlich ist (2 Grad). Also mache ich nur noch schnell ein Finisher-Foto vor dem Fotohintergrund und stelle mich (zum Glück drinnen) in die Schlange für die Talfahrt. Allerdings ist die Gondel nicht auf so viele Besucher ausgelegt. Fast eine Stunde muss ich anstehen, bevor ich endlich in der Gondel sitze und nach Grindelwald runter fahren kann, um meinen Kleiderbeutel entgegenzunehmen und zu duschen. Was ganz cool ist – hier findet die Pasta Party erst heute, also nach dem Rennen, im Zielbereich statt. Frisch gestärkt trete ich die Rückfahrt nach Interlaken an. Auch wenn es verdammt anstrengend war, es ist bestimmt nicht das letzte Mal, dass ich hier gelaufen bin.